Philosophie

Müssen unsere Städte so häßlich aussehen?

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Wien

Diese Homepage soll nicht nur ein Beitrag von Planern für Planer sein, sondern soll auch Anregungen bieten für engagierte Bürger und Politiker. Sie soll zeigen, daß es Alternativen gibt zur Planung der Moderne. Alternativen, die bewährte Modelle der Vergangenheit für eine nachhaltige Qualität unserer Umwelt weiterentwickeln.

Gerade die Bewegung des New Urbanism in den USA hat gezeigt, wie entscheidend es ist, daß Nichtplaner bei Entwicklungsprozessen die Vorlage von traditionellen Alternativen verlangen.

Am Beginn eines neuen Jahrhunderts sollten Stadtplaner und Architekten einmal innehalten, zurückschauen und selbstkritisch fragen, ob wir uns auf einem zukunftsfähigen Weg für eine menschengerechte Stadtgestaltung befinden oder ob Jane Jacobs mit Ihrem Satz: „Der Beruf der Planer scheint krankhaft bestrebt, positive Erfahrungen zu negieren und negative Beispiele zu wiederholen“ (1963) immer noch Recht hat.

Sylt

Es sollte uns zu denken geben, wenn wir uns klar machen, daß das Produkt von 50 Jahren Planen und Bauen niemals das Prädikat der Reiseführer für ein „sehenswertes Stadtbild“ erhalten wird.Das auffälligste Krankheitssymptom der modernen Stadtgestaltung ist entweder ein Übermaß an eintöniger Gleichförmigkeit oder ein Übermaß an chaotischer Vielfalt. Die ausgewogene Gleichzeitigkeit von Vielfalt und Einheit, die wir an traditionellen Stadtstrukturen bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts so schätzen, fehlt den neuen Stadtbereichen völlig.

Viele Mißverständnisse scheinen mir in der Vernachlässigung einer seriösen Auseinandersetzung mit unserer Stadtbau- und Architekturgeschichte zu liegen.

Wir müssen erkennen, daß die letzten 50 Jahre des Planen und Bauens unserer Städte geprägt wurde durch ein fast unglaubliches Vergessen und Verdrängen:

verdrängt

  • die immer schnelleren Verfallsdaten der Gestaltungsmoden
  • die immer größere Beliebigkeit der Entwürfe
  • die kostspielige Kurzlebigkeit der „innovativen“ Baukonstruktionen
  • die fehlende Akzeptanz breiter Bevölkerungsschichten für die Moderne
  • das Festhalten weiter Kreise an traditionellen Gestaltwerten
  • die Verödung der Städte durch die Zonierung nach der Dogmatik der Moderne
  • die eindeutigen Ergebnisse psychologischer Studien zu den emotionalen Grundbedürfnissen des Menschen

vergessen

  • wie hoch die Qualität des Planens und Bauens der Traditionellen Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal war
  • die berechtigte Planungskritik der 60 er und 70er Jahre und ihre Konsequenzen in der 80ern
  • die Wohnerfahrungen mit modernen und traditionellen Siedlungen der   Vergangenheit
  • der negative Beitrag von Architekturwettbewerben an der Gestaltung unserer Stadtbilder

Vor mehr als hundert Jahren hatte die chaotische Verwüstung der rasant gewachsenen frühindustrialisierten Stadtlandschaft zu einer ersten Kritikbewegung geführt. Ausgelöst durch Camillo Sittes Buch: „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ und unterstützt durch Schultze-Naumburgs „Kulturarbeiten“ ist es damals gelungen, die sogenannte Heimatschutzbewegung auszulösen. Bis zum Ende der 20er Jahre konnte das Bewußtsein weiter Kreise der Bevölkerung für die Belange der Baugestaltung sensibilisiert werden. Überall entstanden Heimatvereine und Bauberatungsstellen, die bis weit in die 50er Jahre aktiv waren (in Bayern sogar bis heute). Planer wie Karl Henrici, Theodor Fischer oder Heinrich Stübben hatten großen Einfluß auf Lehre und Praxis, waren sogar Vorbilder für internationale Multiplikatoren z.B. Raimond Unwin in England oder  Elil Saarinen in Finnland. Später wirkten in diesem Sinne insbesondere die Mitglieder der sogenannten Stuttgarter Schule: Paul Schmitthenner, Paul Bonatz und Heinz Wetzel. Deren nachhaltiger Einfluß auf die Lehre im Sinne einer traditionellen Moderne ist an allen Architekturfakultäten in Deutschland: z.B. München , Dresden, Breslau , Hamburg, Essen, Düsseldorf und Aachen bis weit in die 50er Jahre spürbar. Erste Konflikte zwischen den Vertretern dieser Richtung mit denen der Internationalen Moderne entstanden gegen Ende der 20er Jahre, als durch die Gründung der Interessengemeinschaften „Ring“ und „Block“ die Szene in zwei Lager gespalten wurde, die sich recht feindselig gegenüberstanden (z.B. Flachdachstreit oder Weißenhofsiedlung versus Kochenhofsiedlung).

Das Dritte Reich beendete diese Diskussion, da Hitlers „Weltarchitektur“ weder der traditionellen noch der internationalen Moderne entsprang. Beide Richtungen hatten aber in diesen Jahren Gelegenheit sich im täglichen Bauen für Wohnen oder Gewerbe zu verwirklichen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gelang es jedoch den Vertretern der Internationalen Moderne die Kollegen der traditionellen Moderne in die „Blut und Boden“- Ecke zu stellen und ihre Ideologie als politisches Symbol für Freiheit und Demokratie zu etablieren. Im Wiederaufbau der zerbombten Innenstädte von 1945 bis 1950 werden noch einmal die unterschiedlichen Gestaltprinzipien deutlich.

Die Wohnraumbeschaffung der 50er Jahre orientiert sich dann im wesentlichen an den Zielen der Charta von Athen. Die Zonierung der Städte wird ganz im Sinne der strengen Dogmatik der internationalen Moderne realisiert mit Gewerbegebieten, Einkaufszentren und Wohnschlafvororten im Einheitsstil.

Zum Beginn der 60er Jahre regt sich der erste Widerstand gegen diese Entwicklung, interessanterweise aus der Richtung von Soziologen und anderen Nichtplanern. International durch Jane Jacobs: „Tod und Leben amerikanischer Städte“ und Gordon Cullens: „Townscape“, in der Bundesrepublik sind es Alexander Mitscherlich mit: „Die Unwirtlichkeit der Städte“ und Wolf-Jobst Siedlers: „Die gemordete Stadt“. Die darauffolgende Diskussion führt zur Beendigung des Leitbildes „Urbanität durch Dichte“, das uns Siedlungen wie Steilshoop in Hamburg, Köln – Chorweiler, die Metastadt Wulfen und zahllose weitere Betonburgen gebracht hat. Auch die sogenannte „Kahlschlagsanierung“ der Innenstädte, die bis dahin mehr historische Substanz vernichtet hat als der 2.Weltkrieg, wird in Frage gestellt. Der Abriß der Wohnsiedlung „Pruitt Igoe“  in Ohio 1972 wird als unrühmliches Ende der Internationalen Moderne gefeiert. Mit dem Denkmalschutzjahr 1975 beginnt eine Phase des kritischen Umdenkens.

Das Ziel einer menschengerechten Stadt durch behutsame Erneuerung führte bei zahlreichen Projekten zu einer neuen Qualität der Städte. Aber auch in der Architektur besinnt man sich des individuellen Charakters der regionalen Baukultur. In Großbritannien  und den Niederlanden entstehen unter dem neuen Motto des „low rise – high density“ eine Fülle qualitätvoller Siedlungen (begleitet z.B. vom Essex Design Guide). In Frankreich werden mit massiver staatlicher Förderung regionale Baufibeln (plaquettes regionales) herausgegeben, die auf einer intensiven Analyse der kleinräumigen Baukultur aufbauen. In Amerika macht das Projekt „Sea Ranch“ Furore für diese neuen Erkenntnisse.

Mit der Wende am Ende der 80er Jahre werden diese Ansätze plötzlich als postmoderne Gefühlsduselei diffamiert und die Internationale Moderne feiert fröhliche Urstände – als wäre nichts gewesen.

Nur in Amerika stabilisiert sich die Städtebau- und Architekturkritik auf den Diskussionen der Agendaforen durch zunächst fachfremde Aktivisten zur Bewegung des New Urbanism, der inzwischen als etablierte Position anzusehen ist. Nicht zuletzt gefördert durch die Marktmechanismen, die beweisen, daß sich traditionelle Gestaltung wesentlich größerer Beliebtheit erfreut als Projekte der Internationalen Moderne. Stadtgestaltung wird als wichtiger Standortfaktor erkannt, über dessen Qualität letztlich nicht die Planer, sondern die Bürger mit ihrem Mobilitätsverhalten entscheiden.

In Europa faßt diese Bewegung  langsam aber sicher Fuß. Nach der Gründung des Congress for European Urbanism in Stockholm 2003 und einer deutschen Sektion in Görlitz 2004 rechtfertigt auch hier die Marktsituation eine optimistische Einschätzung der weiteren Entwicklung. So basieren mittlerweile in den Niederlanden und Belgien die Mehrzahl der Stadterweiterungs- oder Brachflächenprojekte der Innenstädte auf den Zielen des New Urbanism.

Das große Interesse an der Veranstaltung des Städtebauministeriums in Nordrhein-Westfalen im September 2009 hat gezeigt, daß man auch bei uns offen ist für eine Diskussion über eine „Neue Stadtbaukunst“.

Nach den fragwürdigen Ergebnissen der Moderne ist das Ziel dieser Bewegung  eine grundlegenden Reform der Planung von Städtebau und Architektur:

  • wirksame landesplanerische Steuerung des Sprawl (d.h.Wildwuchs in die               Landschaft),  Konzentration auf vorhandene Infrastrukturen
  • Planungsprozesse mit allen Betroffenen Bürgern, Politikern, Investoren, Interessengruppen  (charette)
  • die Renaissance eines abwechslungsreichen und spannenden, traditionellen   Stadtraums / Dominanz des Städtebaus (urban code)
  • die Pflege und Wiederherstellung des individuellen Charakters einer Stadt durch eine Architektur des Ortes, seiner Geschichte, seiner Regionalität und Unverwechselbarkeit
  • kein kurzlebiger  Zeitgeist, sondern nachhaltige Gestaltqualität

Besonders für unsere neuen Bundesländer, die sich überwiegend auf eine touristische Entwicklung stützen wollen, scheint mir die Notwendigkeit dieser Reform unausweichlich. Die noch vorhandenen Chancen,  Gestaltqualitäten  nach dem bayrischen Vorbild zu sichern und zu entwickeln, würden verspielt, wenn die bisherige Planung fortgesetzt würde.

Besondere unverständlich erscheint uns der Absolutheitsanspruch der Internationalen Moderne, ihre Arbeiten als allein wahre Baukultur darzustellen. Gerade die Ergebnisse der zahlreichen Wettbewerbe, das „Traumhaus der Deutschen“ zu entwerfen, beweisen in krasser Form, daß die Mehrheit der Kunden einen völlig anderen, traditionell orientierten Geschmack hat.

Insbesondere die gleichgeschaltete Lehre an den Hochschulen führt dazu, daß der Nachwuchs bei einer Frage nach alltäglicher traditioneller Architektur überfordert ist. „Aus der Unfähigkeit, den Regelfall zu gestalten, wird jeder Regelfall ein Sonderfall“ Volkwin Marg 1991.

Könnten Sie sich vorstellen, daß an den Musikhochschulen die Ausbildung beschränkt wird auf die Musik von Stockhausen, Henze und Schönberg? Unsere Planungsfakultäten leisten sich diese “exklusive” Begrenzung.

Es sollte uns zu denken geben, daß ein Altmeister der Internationale wie Ralph Erskine als Spätwerk einen Entwurf für das Londoner Millenium Village 2000 in abwechslungsreichen traditionellen Raumstrukturen entwickelt und Max Bächer, als junger Architekt einer der Totengräber der traditionellen Moderne an den deutschen Hochschulen, im Alter zu der Einsicht gelangt, daß „wir uns nach der unverwechselbaren Stadt sehnen und nur dort Zuhause fühlen, wo wir etwas finden, das uns von anderen unterscheidet und nur uns gehört.“

Für Karl Ganser besteht die Ressource Architektur aus „Nachhaltigkeit, Achtung vor der Geschichte und Regionalität“ (Vortrag beim UIA Kongress Berlin 2002). Er möchte „der Unkultur nach Euronorm Kultur und Regionalität entgegensetzen“ (Vortrag Kulturpolitisches Forum 20.6.2002)

Zeitgemäßes traditionelles Planen und Bauen möchte sich einfügen in vorhandene landschaftliche und bauliche Qualitäten und darüber hinaus den Erwartungen entsprechen, die Benutzer und Öffentlichkeit an ihre gebaute Umwelt stellen. Im Gegensatz zur Modernen ist unser Ziel nicht die zwanghafte Innovation, sondern die Suche nach einer Kontinuität des individuellen, spezifischen Charakters der Stadt. Der „genius loci“ – als Schlagwort oft benutzt, aber selten verstanden, muß vom Planer analysiert, eine Lösung auf ihn zugeschnitten werden.

Insbesondere müssen wir die Arroganz gegenüber der Vergangenheit ablegen und wieder bereit sein, zu lernen aus den positiven oder negative Erfahrungen von Jahrhunderten. Das Ziel muß lauten, nicht bei jeder Planungsaufgabe „das Rad neu zu erfinden“, sondern einfach „weiterzubauen“.

Die Schönheit der alten Städte beruhte auf der Anwendung für jedermann nachvollziehbarer konkreter ästhetischer Gesetzmäßigkeiten und Regelungen. Grundlage jeder Quartiersentwicklung war ein genau definiertes Raumgerüst. Neben einer klar gegliederten Hierarchie der Straßen und Wege wurden sorgfältig Merkzeichen und Orientierungspunkte plaziert. Besonderer Wert wurde auf eine klare Gliederung der Wegeabschnitte und die sorgfältige Gestaltung der Raumabschlüsse gelegt. Die so entstehende einprägsame Gesamtstruktur ist über Jahrhunderte geeignet, Identität zu schaffen und Heimat zu sein.

„Man kann nicht jeden Montag eine neue Architektur machen. Darin steckt natürlich ein gewisser Konservativismus – im positiven Sinne. Mozart zum Beispiel war urkonservativ. Er war frei von jeglicher Innovationssucht…ein Genie der konservativen Reifung und der Evolution. Es ist eine aktuelle Borniertheit, das Konservative nur negativ zu besetzen“.
Prof. Volkwin Marg 1991

Ich würde mir wünschen, daß die begonnene Diskussion dazu führt, daß wir offen und respektvoll miteinander umgehen und sich auch die Lehre wieder öffnet für ein gleichberechtigtes Nebeneinander der unterschiedlichen Ansätze.

Nur so können wir dem Prozeß einer schrumpfenden Gesellschaft qualitätvoll gerecht werden und unseren Städten und Dörfern wieder ein von den Bürgern als schön empfundenes Äußeres geben.

Es wird höchste Zeit für eine NEUE STADTBAUKUNST !!!!!!!!!!!

Bauassessor Michael Stojan    2002